Interview with 350 ppm GmbH

Im GesprÀch mit 350 ppm GmbH

17.04.2022

10 min

Levy Röpke

Erwin Jurtschitsch ist CEO des Biotech start ups 350 PPM Biotech GmbH. Die Firma arbeitet an der Umsetzung von Co2 in Proteine und somit am Future of Farming. Derzeit forscht das Team an einem Bakterium , welches sich von CO2 ernĂ€hrt. Wenn diesem Bakterium zusĂ€tzlich Wasserstoff zugefĂŒhrt wird, kann es reines Protein produzieren.  Wie genau das funktioniert, welche Auswirkungen das auf unsere ErnĂ€hrung und das Klima haben könnte und welche Faktoren die Umsetzung dessen erschweren, erfĂ€hrst du jetzt in unserem Interview mit Erwin Jurtschitsch auf.

Herr Jurtschitsch, Sie sind der GeschĂ€ftsfĂŒhrer von 350 ppm Biotech GmbH. DreihundertfĂŒnfzig Teilchen CO2 pro Millionen in der AtmosphĂ€re ist die Zahl, die wir baldmöglichst unterbieten mĂŒssen, um katastrophale Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden. Welchen Beitrag leistet Ihr Unternehmen, um dieses Ziel zu erreichen?

Wir wollen daran mitarbeiten, die Produktion von Lebensmittel umzugestalten von Ackerbau auf “Fermenter”, das sind Stahltanks, in denen Bakterien leben. Wir arbeiten mit einem Bakterium, das sich von CO2 ernĂ€hrt und als Energiequelle Wasserstoff nutzt. Es kann aus dem CO2 plus ein paar Salzen alles produzieren, was es zum Leben braucht und es bildet dabei sehr viel mehr Protein als Pflanzen das tun. 

Wer genau ist “wir”, wer steht hinter dem Projekt und wo befindet Sie sich in dem Forschungs- und Umsetzungsprozess?

Wir, das sind drei Hochschulforscher, vier Labormitarbeiter in Großbritannien und zwei GrĂŒnder. Seit 18 Monaten arbeiten wir an dem Projekt. KĂŒrzlich hat 350PPM Biotech im Rahmen der zweiten Seed-Runde ein Investment von Lars Hinrichs (GrĂŒnder von XING) erhalten, der damit neben mir selbst zu den Hauptinvestoren des Projekts zĂ€hlt. Wir arbeiten derzeit zweigleisig: Zum einen entwickeln wir einen „Werkzeugkasten“, mit dem wir das Bakterium gentechnisch verĂ€ndern und fĂŒr alle möglichen Anwendungen optimieren können und parallel entwickeln wir mit dem unverĂ€nderten Wildtyp ein Fermentationsverfahren, das fĂŒr industrielle Prozesse taugt.

Es ist beeindruckend, was ein so kleines Lebewesen leisten kann. Aber ich kann mir vorstellen, dass es sehr vieler Bakterien bedarf, um die Menge an CO2, die tĂ€glich emittiert wird, entscheidend zu reduzieren. Sind die Mikroben also ĂŒberhaupt ein effektives Mittel gegen den Klimawandel? Und was genau hat es mit den Proteinen auf sich?

Wenn man ehrlich ist, wird diese Technologie auch auf lĂ€ngere Sicht den CO2-Emittenten nicht die Stirn bieten können. Die meisten großen Emittenten wie Verkehr, Energieerzeugung und GebĂ€udewirtschaft bleiben unangetastet. Das Potential besteht darin, dass die Fermenteranlagen an industriellen Standorten eine bestimmte Menge an CO2 (1-2 Tonnen tĂ€glich) zur ErnĂ€hrung der Bakterien abfangen können.

Wenn wir auch die Landwirtschaft als einen Teil des Problems sehen, könnte unsere Technologie einen betrĂ€chtlichen Anteil dieses Problems lösen. Es ist die Proteinproduktion, die einen positiven Impact haben kann. Das vom Bakterium produzierte Protein eignet sich als Futter fĂŒr Fische und GeflĂŒgel, wobei das AminosĂ€ureprofil auch fĂŒr andere Zwecke angepasst werden kann. Die bakterielle Proteinproduktion könnte dafĂŒr sorgen, die CO2-intensive Bodennutzung zur Erzeugung von proteinreichen Pflanzen wie z. B. Soja, zu reduzieren. Es wĂŒrden weniger CO2-absorbierende FlĂ€chen wie WĂ€lder oder Moore weichen mĂŒssen und auch die CO2-Emissionen durch den Transport wĂŒrden wegfallen. Als letzten erwĂ€hnenswerten Vorteil des Bakterienproteins ist die Entlastung der Meere zu nennen. Hinter dem Stichwort Aquafarming verbirgt sich eine riesĂ­ge Maschinerie: Fast die HĂ€lfte aller Fische, Krebse und Muscheln stammt heute aus einem Aquakulturbetrieb. Das hört sich gut an, aber tatsĂ€chlich reduziert das die Überfischung der Meere kaum, weil Laches, Forellen und andere beliebte Raubfische in Fischfarmen mit Fischmehl aus Wildfischen gefĂŒttert werden. Jeder fĂŒnfte Fisch aus dem Meer wird heute zu Fischmehl- und öl verarbeitet, jedes Jahr fast 20 Millionen Tonnen. Rund 80 Prozent dieses Fischmehls und -öls wird fĂŒr die FĂŒtterung von Zuchtfischen verwendet. Das ist alles andere als nachhaltig. Fischmehl ließe sich durch unser Protein ersetzen.

Wir sprechen also von einer indirekten CO2-Einsparung. Je mehr diese Technologie zur Proteingewinnung angewandt wird, desto weniger CO2-intensive Technologien werden genutzt.

FĂŒr Fische sind diese Proteine also gut verdaulich. Wir Menschen verzichten bekanntermaßen immer mehr auf tierischen Proteinen zugunsten von pflanzlichen. Welche Rolle wĂŒrde das Bakterienprotein voraussichtlich in unserer ErnĂ€hrung einnehmen? Und welche Bedenken haben Sie möglicherweise noch?

Die DĂŒngemittelpreise sind zuletzt explodiert – der Ackerbau lohnt sich ökologisch und ökonomisch immer weniger. Wir wollen nicht nur Soja und Fischmehl ersetzen, sondern können potentiell auch plant-based ErnĂ€hrung ablösen. Die ist zwar besser als Viehzucht, aber ist nichtsdestotrotz auf den Ackerbau angewiesen – und sogar davon mĂŒssen wir weg. Es verbraucht zu viel Boden und zu viel Wasser, hinzu kommen chemische Pflanzenschutzmittel und stickstoffhaltige DĂŒngemittel. Der Landschaftsverbrauch wird reduziert, da alles in Stahltanks stattfinden. Die Fermenter können, wo auch immer man sie braucht, platziert werden. Sie benötigen nur Wasser, ein paar Mineralien, Wasserstoff und CO2 und dann können sie Proteine erzeugen. Die Produktion verbraucht wesentlich weniger FlĂ€che, Wasser und Rohmaterialien als traditionelle Landwirtschaft, sie ist unabhĂ€ngig von Wetter und Klima und rĂŒckstandsfrei. Im Übrigen brauchen die Zellen, die zu Cultured Meat und Cultured Fish heranwachsen, ebenfalls Proteine bzw. AminosĂ€uren. Die können wir liefern, aus wirklich nachhaltiger Produktion.

Die Entwicklung hin zu pflanzenbasierten Ersatzprodukten bzw. Fleisch und Fisch aus Zellkulturen ist sehr positiv und nicht ohne Grund steigt die Nachfrage stetig. Ich bin froh, dass die Menschen das akzeptieren und die Firmen, die dahinterstehen, sollte man nicht diffamieren. Zu Recht fließ
en große Summen in Unternehmen wie ‘Beyond Meat‘. Die USA und viele asiatische LĂ€nder wie China und Singapur haben bereits verstanden, dass es Alternativen zur traditionellen Lebensmittelproduktion braucht. Hierzulande gibt es hingegen eine absurde Debatte ĂŒber die Frage, ob wir jetzt 4% mehr oder weniger Ackerbau machen – die Debatte ĂŒber die Symptome des Problems ist praktisch nicht vorhanden. Es braucht mehr Öffentlichkeit.

 

Was verschließt uns in Deutschland konkret den Weg zum Future of Farming? Deutschland und Europa gelten als internationale Vorreiter im Kampf gegen den Klimawandel, warum hinken sie hier hinterher?

Regulierungen und Gesetzgebung sind leider sowohl in Deutschland als auch auf EU-Level katastrophal. Automobil- oder Öl-Unternehmen z. B erhalten fĂŒr eingespartes CO2 ein Zertifikat, das fĂŒr die Produktion verwendet werden kann – also um weiter CO2 emittieren zu können. Alternativ dazu können Unternehmen die CO2-Zertifikate im EuropĂ€ischen Emissionshandel verkaufen und ersteigern – die Erlöse sollen dem Klimaschutz zugute kommen. Wenn man CO2 aus der Luft entnimmt, bekommt man jedoch keinen Cent. Eigentlich mĂŒsste man doch diejenigen bezahlen, die das CO2 beseitigen, statt diejenigen, die reichlich CO2 emittieren, um z. B. einen Tesla zu bauen.

Eine
Änderung der Regulierung ist bislang an den GrĂŒnen gescheitert, weil sie sagen, dass nur der CO2-Verzicht belohnt werden darf. Meiner Meinung nach sollte es so sein, dass Unternehmen fĂŒr jede beseitigte Tonne CO2 das Geld erhalten, was ein Zertifikat fĂŒr die Einsparung dieser Menge an CO2 heute wert ist – ungefĂ€hr 100 Euro. Das wĂŒrde Firmen wie uns auf die Beine helfen und die Entwicklung von kreativen Lösungen fĂŒr den Klimawandel attraktiver machen.

 

DarĂŒber hinaus ist die ErnĂ€hrungsfrage in Deutschland ideologisch besetzt: “Gentechnik ist etwas ganz Schreckliches”. Wenn 8 Milliarden Menschen ernĂ€hrt werden sollen, braucht es jedoch frĂŒher oder spĂ€ter eine neue Form der ErnĂ€hrung. Der Glaube, man könne das ohne die Möglichkeiten der modernen Biologie – Gentechnik, synthetische Biologie usw. – machen, nur durch RĂŒckgriff auf Produktionsmethoden aus dem 19. Jahrhundert, ist nicht tragbar. Die Revolution, die in diesem Bereich ansteht, ist eine der grĂ¶ĂŸte, die die Menschheit je durchlebt hat. Aber es sind bisher nur ein paar Pioniere, die diese Revolution vorantreiben. Um mit den Worten eines US-Thinktanks zu sprechen: Wir haben Jahrtausende gebraucht, um Makroorganismen, also Tiere und Pflanzen, zu domestizieren. Nun ist es an der Zeit, Mikroorganismen zu domestizieren. Das Gute daran ist: Hier geht es um Jahrzehnte, nicht Jahrtausende! Bislang haben Öffentlichkeit und Politik dieses Potenzial und seine Bedeutung ĂŒberhaupt noch nicht verstanden.

Die Regierungskoalition versprach im Koalitionsvertrag die Bereitstellung von finanziellen Mitteln und “mehr Raum fĂŒr Innovation, Digitalisierung und privatwirtschaftliche Initiativen fĂŒr Klimaanpassung”. Die Ampelparteien wollen Bundesprogramme mit den Namen “ZukunftsfĂ€higer Ackerbau” und “Zukunftskommission Fischerei” ins Leben rufen. Machen Sie sich angesichts dieser festgehaltenen Versprechen Hoffnungen, dass es besser werden könnte?

Schlimmer kann es nicht werden. Es geht auch nicht um staatliche Gelder und Subventionen – die Beantragung ist meist sowieso zu bĂŒrokratisch und kompliziert. Es geht nur um gleiche Bedingungen fĂŒr alle. Es gibt KrĂ€fte in der Ampelkoalition, die daran arbeiten, aber bisher ist noch nichts passiert.

Schauen wir beispielsweise nach Großbritannien: Die Regierung hat ein Programm namens
“Agriculture 4.0” auf die Beine gestellt, in dessen Rahmen in den nĂ€chsten vier Jahren eine Milliarde Pfund in die Frage investiert werden soll: Wie kriegen wir eine bessere und nachhaltigere ErnĂ€hrungsgrundlage als die bisherige zustande? Deshalb ist auch ein Standbein von 350PPM Biotech in Großbritannien. Ähnlich ist es in Finnland: Dort erhalten Mitbewerber einen erleichterten Start, da der Strom zur Erzeugung von grĂŒnem Wasserstoff, der in Finnland zu großen Teilen aus Wasserkraft gewonnen wird, diesen Unternehmen sehr gĂŒnstig zur VerfĂŒgung gestellt wird.

Ich habe das GefĂŒhl, dass kein Ministerium sich wirklich der Sache annimmt; weder das Landwirtschaftsministerium noch das Umweltministerium ĂŒbernehmen hier Verantwortung. Die Aufgabe einer zukunftsgerichteten Politik ist es, sich mit dem Thema Future of Farming zu beschĂ€ftigen, die Rahmenbedingungen zu verbessern, das Thema der ErnĂ€hrung auf die Agenda zu heben und auf eine nicht-ideologische Weise zu besprechen.

Ein letzter entscheidender Punkt, wenn es um die Politik geht, ist, dass die Lebensmittel viel zu billig sind. Am Beispiel Soja lĂ€sst sich es gut veranschaulichen: Die wahren Kosten der Herstellung und Lieferung und die Folgekosten sind nicht ansatzweise im Preis inbegriffen – es findet ein massives Preisdumping statt. Es ist praktisch unmöglich, den Sojapreis zu unterbieten.

Dieser Preis könnte von uns auf lange Sicht nur dann erreicht werden, wenn der Wasserstoffpreis dramatisch fĂ€llt. Oder der Sojapreis mĂŒsste steigen – wie der Fischmehlpreis in letzter Zeit -, dann sind sie wettbewerbsfĂ€hig. Unterm Strich ergibt es ökonomisch und ökologisch keinen Sinn – wenn die Preise nicht die tatsĂ€chlichen Kosten widerspiegeln.

Ich habe es als Ă€ußerst bereichernd empfunden, einen Einblick in die Herausforderungen zu erhalten, denen Sie und ihr Unternehmen sich stellen. Es zeigt in wie vielen unterschiedlichen Bereichen es einer Transformation bedarf, damit der Klimawandel effektiv bekĂ€mpft werden kann. 350 ppm Biotech hat das Potential diese Transformationen mit anzutreiben und hĂ€lt eine innovative Lösung bereit, die deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient. Was steht Ihnen in den kommenden Monaten bevor und wann können wir mit dem ersten Prototypen rechnen?

Unser wichtigstes Anliegen derzeit ist der Ausbau des Teams. Experten in diesem Bereich zu finden, ist alles andere als einfach. Das Thema ist kompliziert, das Forschungsinteresse ist, was die Anwendungsforschung betrifft, nicht besonders groß und die Gelder sind knapp. Dann geht es um eine Upscaling der Prozesse – also immer grĂ¶ĂŸere Tanks zu verwenden. Im nĂ€chsten Schritt mĂŒssen wir ökonomische Daten ermitteln und evaluieren, ob es sich lohnt gegen Fischmehl, Soja und Co anzutreten. Und schließlich geht es darum, die Zusammensetzung des Proteins zu optimieren und an den jeweiligen Verwendungszweck anzupassen. Wir planen Anfang des nĂ€chsten Jahres die Errichtung einer ersten Pilotanlage. Wenn es um den Ausbau dieser Anlagen in einem industriellen Format geht, kommt wieder die Politik ins Spiel und speziell die Frage: Wer baut diese Industrieanlagen?

Wir betreiben bewusst noch kein Marketing, weil derzeit all unser Geld in Forschung  und Entwicklung fließt. Umso mehr freuen wir uns, wenn das Interesse fĂŒr unser Projekt von Außen kommt – wie im Fall von FollowTheVote. Sobald es eine Website oder Ă€hnliches gibt, werden wir es kundtun. Bis dahin kann man mich ĂŒber meine
Firma EJ Ventures erreichen: http://ejventures.de

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